Attac.DenkTankStelle.2014-06-02

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DenkTankStelle von Attac-Leipzig

Thema: Architektur
Ort und Zeit: Mo, 02. Juni 2014, 19 Uhr im Café Grundmann

Ankündigung

Da der Moderator zufällig ein Architekt ist, haben wir uns am 5.5. auf das Thema Architektur geeinigt. Keine Sorge, das wird kein Gespräch über Häuser, Formen, Baustile, sondern, wenn es gut läuft, eines über die gesellschaftlichen, kulturellen, philosophischen Hintergründe von Erscheinungen. Durch ihr hybrides Wesen, sowohl Kunst als auch Wissenschaft und Technik, Kultur aber auch nüchterner Zweck sein zu müssen, hochrationelle wie auch transzendente Züge aufzuweisen, ist Architektur bestens zu ausgiebigen Disputen geeignet.

Einige Fragen: Was ist das eigentlich - Architektur, und weshalb gibt es so viele Definitionen? Woher kommt die nicht seltene Diskrepanz zwischen den Urteilen von Fachleuten und den normalen Nutzern und Betrachtern von Architektur? Brauchen wir prestigeträchtige Bauwerke, die oft dann auch teuer sind, oder müssen wir uns von sozialen Prioritäten leiten lassen? ("Dafür hamm'se Geld, aber für die Sanierung der Schulen ...") Und woher kommt es, dass einer Gesellschaft im Laufe der Zeit mitleidlos das ihr zugehörende Gesicht in Form des Gebauten wächst, obwohl sie sich vielleicht ganz anders sehen möchte?

Liebe Grüße
Johannes, 27.05.2014

Architektur und Konstruktion sind nahe verwandte Begriffe. Dazu auch unsere Philodebatte am 11.03.2014 und der Text

  • Jürgen Stahl: Perspektivwechsel: Konstruktion, Antizipation und gestaltende Fähigkeit des Subjekts. Zur Veränderung des Begriffsverständnis zwischen Aufklärung und Moderne. (pdf ebenda)

HGG, 29.05.2014

Architektur . Thesen

Ein Beitrag von Johannes Schroth

1.

Häuser zu beurteilen, Architekturentwicklungen einzuschätzen, darüber zu reflektieren, auch räsonieren, gehören zur Profession eines Architekten, wie Entwerfen, Ausschreiben, Bauleitung und vieles mehr. Gestattet mir, dass ich als nicht mehr planender, aber reflektierender und räsonierender Architekt das Abenteuer eingehe, thesenhaft dazu etwas loszuwerden.

Gemeinplätze sind dabei nur scheinbar überflüssig. Sie werden gebraucht, um Startlinien zu kennzeichnen.

2.

Architektur ist Gesellschaftsmetapher.

Gesellschaft zeigt ihr Gesicht im Gebauten. Es ist nicht möglich, diese Wahrheiten über längere Zeit zu verbergen, schön zu planen, schön zu reden. Zeig mir, was sie bauen, und ich berichte dir von den inneren Wahrheiten dieser Gesellschaft.

3.

Architektur ist ein wesentlicher Teil der Kultur. Kultur ist nicht das Ergebnis von Gewünschtem und Gewolltem. Kultur entsteht über die Jahre als Resultante aus vielen sich widersprechenden und aufeinander einwirkenden Kräften. Nur in homogenen Gesellschaften, zu denen auch Despotien zu zählen sind, entwickeln sich allgemein gültige Konventionen, werden Standards und Regeln oktroyiert, kann ein einheitlicher Stil entstehen. Barock als Gegenreformation und Beispiel.

4.

Pluralistische Gesellschaften warten mit mehreren Wahrheiten auf, ausgedrückt in ihren Behauptungen und Gegenbehauptungen.

Pluralistische Gesellschaften zeigen deshalb auch sehr unterschiedliche Gesichter – Architekturen – und bieten mehrere Wege und Entscheidungsmöglichkeiten für den Einzelnen.

5.

Gute Architektur stellt sich den gleichen Maßstäben, die an das Leben und Zusammenleben von Menschen heutzutage zu stellen sind. Um nur einige wenige zu nennen:

  • du sollst keine Ressourcen vergeuden,
  • du sollst richtig informieren – „kein falsch Zeugnis reden“,
  • du sollst wahrhaftig sein, also den Mut haben, deine Wahrheit auszusprechen,
  • du sollst dich als Teil des Ganzen sehen und nicht auftrumpfen,
  • du sollst nützlich sein

und last not least:

  • Alles steht unter dem Edikt eines kultur- und lustvollen Umgangs mit den Dingen und untereinander.

Kultur, Kunst, Architektur sind spezifische Wege zum Glück und zur Erkenntnis der Welt und deshalb unverzichtbar.

6.

Schlechte zeitgenössische Architektur informiert nicht oder falsch. Es gibt ein virulentes Interesse der Mächtigen jeder Zeit, unangenehme Wahrheiten euphemisch zu verhüllen.

Ein wesentlicher Anteil unserer Architektur heute besteht aus Camouflage-Architektur, wie ich sie nenne. Täuschen und Verhüllen sind weitgehend akzeptierte und hingenommene Strategien zur Gewinnmaximierung, wobei Gewinn nicht eng gesehen werden darf. Macht, Behauptungsstrategien usw. sind von gleicher Bedeutung wie schnöder Mammon. Camouflage ist zu einem akzeptierten Teil unserer Kultur geworden.

7.

In pluralistischen und demokratisch legitimierten Gesellschaften bestehen alternative Entscheidungsmöglichkeiten. Es ist möglich, sich zu informieren, über den richtigen Weg nachzudenken und sich zu entscheiden.

In einer funktionierenden Gesellschaft ist es wichtig und notwendig, sich für eine der behaupteten Wahrheiten zu entscheiden und mit Entschiedenheit dafür einzutreten.

Kein Fortschritt ohne Streit und Konflikte. Kein Fortschritt ohne seine Protagonisten.


Jenny Erpenbeck: Über den Architekten

Heimat planen, das ist sein Beruf. Vier Wände und ein Stück Luft, ein Stück Luft sich mit steinerner Kralle allem was wächst und wabert herausreißen und dingfest machen. Heimat. Ein Haus, die dritte Haut, nach der Haut aus Fleisch und der Kleidung. Heimstatt. Dem Leben Richtungen geben, den Gängen Boden unter den Füßen, den Augen einen Blick, der Stille Türen.

Nachtrag HGG. Der Text ist wohl aus Jenny Erpenbeck "Heimsuchung".

„Heimat planen, das ist sein Beruf. Vier Wände um ein Stück Luft, ein Stück Luft mit steinerner Kralle aus allem, was wächst und wabert, herausreißen, und dingfest machen. Heimat. Ein Haus die dritte Haut, nach der Haut aus Fleisch und der Kleidung. Heimstatt. Ein Haus maßschneidern nach den Bedürfnissen seines Herrn. Essen, Kochen, Schlafen, Baden, Scheißen, Kinder, Gäste, Auto, Garten. Ob all das – oder das und das nicht, umrechnen in Holz, Stein, Glas, Stroh und Eisen. Dem Leben Richtungen geben, den Gängen Boden unter den Füßen, den Augen einen Blick, der Stille Türen. Und das hier war sein Haus. ...“
Dies wird erzählt in dem Moment, da der Architekt zum letzten Mal durch sein Haus geht und abschließt, weil er sich nach Westberlin absetzen muss, bevor er verhaftet wird.
Quelle: http://autorenforum.montsegur.de/cgi-bin/yabb/YaBB.pl?num=1252154285

"aufgewärmte" Anmerkung von Gaston Lubetzki

Quelle: Laozi; Daodejing - eine Wiedergabe seines Deutungsspektrums, Band 1 hrsg. von Victor Kalinke

Vers 11

Dreißig Speichen umringt die Nabe
erst durch das, was nichts ist
läßt sich das Rad benutzen

Aus Ton geformt ist das Gefäß
erst durch das, wo nichts ist
läßt sich das Gefäß benutzen

Tür und Fenster sind gemeißelt ins Haus
erst durch das, wo nichts ist
läßt sich das Haus benutzen

Daher
lassen sich aus Seiendem Vorteile ziehen
läßt sich das Nichtseiende nutzen
(betrachten wir das Seiende als vorteilhaft
betrachten wir das Nichtseiende als nützlich)